Warum deine Prioritäten über deine Gesundheit entscheiden
„Ich habe keine Zeit.“ Wie oft hast du diesen Satz heute schon gesagt oder gedacht? Gerade im Gesundheitswesen, wo wir als Ärzt:innen und Therapeut:innen tagtäglich für das Wohl anderer arbeiten, fällt die eigene Selbstfürsorge oft genau diesem Glaubenssatz zum Opfer. Doch was wäre, wenn Zeitmangel gar keine unumstößliche Wahrheit ist, sondern eine Geschichte, die wir uns erzählen? In diesem Artikel erfährst du, warum Zeit eine Frage der Priorisierung ist und wie du wieder zum Gestalter deines Alltags wirst.
Die Illusion der fehlenden Zeit
Wir leben in einer Welt, die so eng getaktet ist wie nie zuvor. Kalender sind voll, Fristen drücken und der Tag scheint oft einfach zu wenige Stunden zu haben. Doch wenn wir ehrlich hinsehen, ist „Ich habe zu wenig Zeit“ kein wissenschaftlicher Fakt. Es ist ein Gefühl – und oft eine Entscheidung.
Objektiv betrachtet haben wir alle, vom Chefarzt bis zur Führungskraft, exakt die gleiche Menge an Zeit pro Tag zur Verfügung: 24 Stunden.
„Zeitmangel ist kein Fakt, es ist eine Sache der Priorisierung.“ – Maren Urner
Das Gefühl der Zeitnot entsteht oft nicht durch die Uhr, sondern durch die Art und Weise, wie wir diese 24 Stunden füllen. Wir haben uns kollektiv auf Zeiteinheiten geeinigt, um unser Leben zu strukturieren. Aber wie wir diese Einheiten erleben und nutzen, liegt in unserer Hand. Wenn wir sagen „Ich habe keine Zeit für Sport“ oder „Ich habe keine Zeit, gesund zu kochen“, sagen wir eigentlich: „Andere Dinge sind mir gerade wichtiger.“
Vom „Müssen“ zum „Wollen“: Wie Sprache deinen Stresspegel steuert
Ein wesentlicher Faktor für das Gefühl von Stress und Getriebensein ist unsere interne Kommunikation. Achte einmal darauf, wie oft du das Wort „müssen“ verwendest:
- „Ich muss noch die Akten fertig machen.“
- „Ich muss noch einkaufen.“
- „Ich muss zum Sport.“
Sobald wir „müssen“ sagen, geben wir die Verantwortung ab. Wir machen uns zum Opfer der Umstände. Das erzeugt inneren Druck und Widerstand. Psychologisch gesehen ist es ein Gamechanger, dieses Wort durch „wollen“ oder „entscheiden“ zu ersetzen. Selbst unangenehme Aufgaben sind oft Konsequenzen früherer Entscheidungen (z.B. den Beruf, den wir gewählt haben). Wenn du dir bewusst machst, dass du dich für deine Tätigkeiten entscheidest, wechselst du von der passiven Ohnmacht in die aktive Selbstwirksamkeit. Das allein senkt das Stresslevel enorm.
Wo sind deine Zeitdiebe?
Viele Menschen, die sich ausgebrannt fühlen, verbringen paradoxerweise viel Zeit mit Dingen, die ihnen weder Energie geben noch beruflich notwendig sind. Ein klassisches Beispiel ist der Medienkonsum.
Statistiken zeigen eindrucksvoll, dass wir oft mehrere Stunden täglich am Smartphone oder vor Streaming-Diensten verbringen – oft unbewusst, um „abzuschalten“. Doch genau diese Zeit fehlt uns dann für die Dinge, die uns wirklich nähren würden: Bewegung, echte Begegnungen oder das Zubereiten einer gesunden Mahlzeit. Eine ehrliche Bestandsaufnahme ist der erste Schritt zur Besserung:
- Beobachte einen Tag lang, womit du deine Zeit verbringst.
- Identifiziere die Lücken, in denen du unbewusst scrollst oder dich ablenken lässt.
- Frage dich: Dient das meiner Vitalität oder raubt es mir Energie?
Veränderung braucht Geduld: Die 4-6 Wochen Regel
Wenn wir erkennen, dass wir unsere Zeit anders priorisieren wollen, neigen wir dazu, alles auf einmal ändern zu wollen: Täglich Sport, nur noch gesundes Essen, früher aufstehen und mehr Zeit für die Familie. Das Ergebnis? Meistens Scheitern.
Unser Gehirn liebt Gewohnheiten. Zu viele Veränderungen auf einmal überfordern das System. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Reduktion:
- Nimm dir nur EINE Sache vor: Zum Beispiel 30 Minuten früher aufstehen oder dreimal die Woche abends kochen statt fernsehen.
- Halte das durch: Es dauert etwa 4 bis 6 Wochen, bis eine neue Tätigkeit zur Gewohnheit wird.
- Erweitere dann: Erst wenn die erste Routine sitzt, nimmst du die nächste dazu.
Häufige Fragen zu Zeitmanagement & Gesundheit
Warum habe ich das Gefühl, nie Zeit zu haben?
Dieses Gefühl resultiert oft aus einer Diskrepanz zwischen dem, was wir tun, und dem, was uns wichtig ist. Wenn unser Tag mit Aufgaben gefüllt ist, die nicht unseren Werten entsprechen (Fremdbestimmung), empfinden wir Zeit als knapper, als wenn wir Dinge tun, die uns erfüllen (Flow-Erleben).
Wie kann ich als Ärzt:in oder Therapeut:in Grenzen ziehen?
Indem du erkennst, dass deine eigene Gesundheit die Basis für deine Arbeit ist. Du kannst niemanden nachhaltig unterstützen, wenn du selbst im Defizit bist. Priorisierung bedeutet hier auch, „Nein“ zu sagen, um zu dir selbst „Ja“ zu sagen.
Was ist der erste Schritt aus der Zeitfalle?
Bewusstheit. Hör auf, automatisch zu funktionieren. Halte inne und frage dich: „Will ich das gerade tun? Ist das jetzt wirklich die Priorität?“ Oft erledigen wir Dinge aus einem blinden Reflex heraus, obwohl sie warten könnten oder gar nicht notwendig sind.
Fazit: Deine Zeit gehört dir
Zeit ist das wertvollste Gut, das wir besitzen. Sie ist begrenzt in ihrer Dauer (Lebenszeit), aber flexibel in ihrer Gestaltung (Tagesablauf). Hör auf, dich hinter dem Satz „Ich habe keine Zeit“ zu verstecken. Beginne stattdessen, deine Prioritäten so zu setzen, dass sie zu dem Leben passen, das du führen möchtest – vital, selbstbestimmt und gesund.
Du musst nicht alles heute ändern. Aber du kannst heute die Entscheidung treffen, die Geschichte, die du dir über deine Zeit erzählst, neu zu schreiben.
🎧 Tiefer eintauchen im Podcast
Das Thema Zeit und Priorisierung ist komplex und oft emotional. Wenn dich diese Gedanken inspiriert haben und du hören möchtest, wie Dr. Katja Schaaf und Verena Wendt dieses Thema im persönlichen Gespräch vertiefen, dann hör dir gerne die passende Podcast-Folge an.



